Werbung / Rezensionsexemplar
“Du klingst aber nicht, als wärst du von hier!” – Dieser Satz, immer mal anders formuliert, begleitet mich seit meinem fünften Lebensjahr.
Moin, ich heiße Sarah. Nein, ich bin nicht norddeutsch. Auf meiner Geburtsurkunde steht München. Nein, ich bin kein Wessi. Den größten Teil meines Lebens habe ich in Sachsen verbracht. Nein, ich bin kein Ossi. Mein Geburtstag liegt genau zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung – ich kenne also nur ein geeintes Deutschland in all seiner Spaltung.
Jahr um Jahr lese ich zu den großen Jahrestagen der deutsch-deutschen Geschichte Reportagen über “Den Osten”. Und darüber “wie der Osten tickt”. Die Jahreszahlen zählen weiter, und weiter, die Berichte ändern sich dagegen kaum; sie sind eine Konstante in meinem Leben.
Die Perspektive der Wendekinder?
Die Sichtweise von Nachgeborenen mit Wurzeln in Ost und West?
Worte für dieses Erleben?
All das finde ich bis heute kaum – weder bei anderen noch bei mir selbst.
Jedenfalls dachte ich das, bis ich bei André Herrmann den Hinweis auf Marieke Reimanns Buch gesehen habe. “Zweite Wende – Warum Ostdeutschland uns alle angeht” wurde mir dankenswerterweise vom Rowohlt Verlag zur Verfügung gestellt.
Vokabeln für die Identität
Das Wort Identität schreckt mich zugegebenermaßen reichlich ab, aber in Ermangelung eines passenden Synonyms – mir fällt sicher gleich eines ein – bleibe ich mal kurz dabei.
Meine Identität konnte ich lange nicht in Worte fassen. Wie auch? Ich war ein Kind, als ich von Bayern nach Sachsen umgezogen wurde. Passiv-Konstruktion, meine eigene Beteiligung an der Entscheidung fiel eher unbedeutend aus. Wichtig war mir eine Schaukel im Garten, so wie ich sie bei meiner Uroma hatte.
Ich lernte das Konzept Kulturschock bereits im Kindergarten, als ich nicht verstand, was ein Broiler war. Alle sprachen wie ich und irgendwie halt doch nicht. Ich war auch die, die im Sportunterricht nicht wusste, was eine Riege ist (Funfact: Ich war trotz Unwissenheit Riegenführerin) und ich verstand nicht, weshalb die anderen Kinder mich so seltsam behandelten. Als ich die Lernwörter mit CH, CH und SCH korrekt aussprechen und Kirche und Kirsche (sächsisch beides: Gürsche) unterscheiden konnte, begann ich zu ahnen, dass irgendetwas an mir anders war. Ich schob es auf den Dialekt und den kürzlichen Umzug.
Später begann ich zu einem Chamäleon zu werden. Da selbst mein “Nu” auch über dreißig Jahre später nicht glaubhaft klingt, erkläre ich mein “Moin” mit den norddeutschen Wurzeln der Eltern. Selten wird gefragt, aus welchem Norden ich komme. Ich lebe lange genug “hier”, um als ostdeutsch gelesen zu werden. Wann immer mir das nicht recht ist – meist, wenn aus “dem Osten” eine homogene Masse gemacht und sensationslüstern nach den letzten Wahlergebnissen gefragt wird – betone ich die westdeutschen Wurzeln.
Wann immer ich zwischen diesen Identitäten springe, fühle ich mich unwohl. “Kind der Einheit” ist mir die angenehmste Bezeichnung, erklärt sie doch alles und nichts und bietet gleichzeitig eine angenehme – vielleicht auch feige? – Rückzugsmöglichkeit aus unliebsamen Diskussionen.
Springen wir ein paar Jahrzehnte später in einen Badesee, in dem ich im letzten Urlaub mit Enten geschwommen bin. In der Sonne trocknend fotografierte ich einen dieser Vögel, der mir ans Ufer gefolgt war. Ein Schnappschuss für Instagram, Bildunterschrift: Nag, nag.

Marieke Reimann ist es nun, die mir mit ihrem Buch gleich zu Beginn Worte für Erlebnisse an die Hand gibt, die tiefer reichen als die Vokabeln Broiler und Riege. Sie fragt: Wie macht die Ente?
Ich sage: Quak. – Westdeutsch.
Ich schreibe unter das Foto: Nag, nag. – Ostdeutsch.
Auf diesen ersten Seiten, auf denen es darum geht, herauszufinden, was westdeutsch und was ostdeutsch ist, werde ich mit der Vielschichtigkeit meiner eigenen Identität konfrontiert. Spoiler: Das Nachdenken darüber ist nicht mit der Lektüre des Buches abgeschlossen und wird noch andauern.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Marieke Reimann ist Journalistin und ich habe ihr Buch gewissermaßen auch als Kollegin gelesen. Ich habe in Dresden am Institut für Kommunikationswissenschaft studiert und wurde dort durch den Blickwinkel meiner – westdeutschen – Professoren geprägt, von denen vor allem der Gründer des besagten Instituts von der ostdeutschen Mediengeschichte und ihrer Wirkung in das geeinte Deutschland hinein interessiert war.
Soll heißen: Gerade das erste Kapitel rund um Meinungsbildung und Kultur, die Repräsentation des Ostens in (vornehmlich westdeutschen) Medien und die Frage, ob der Osten ein neues Leitmedium benötigt – dieses Kapitel war für mich eine wichtige Ergänzung bisherigen Wissens und eigener Erfahrung. Vor allem von Erfahrungen, für die ich bislang keine Worte hatte.
Ohnehin hatte ich beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass Marieke Reimann auf erschreckende Weise in meinen Kopf gucken kann. In den Kapiteln zu Demokratie und Demografie, zu Gleichberechtigung und Bildung, zu Architektur und Wohnen und zur Erinnerungskultur blitzen immer wieder Momente auf, die ich selbst so – oder im genau gespiegelten Erleben zum Erfahrungsschatz zähle.
Sie zeigt deutlich, wo Frust “im Osten” entsteht, wo Ungerechtigkeiten benannt gehören und wo Pauschalisierungen zu Schmerz, noch mehr Frust und Schlimmerem führen. Sie beschönigt nicht, schlussfolgert anhand unzähliger Quellen und zeigt Wege auf, wie wir auch fast 37 Jahre nach der Wende vielleicht endlich für mehr gegenseitiges Verständnis sorgen können.
Ich hatte beim Lesen vor, ein paar für die Rezension zitierwürdige Stellen zu markieren, aber ganz ehrlich: Ich müsste jetzt fast das halbe Buch abtippen, so viele Lesefähnchen habe ich an den Rand geklebt.

Hört zu – abseits von Wahlen, Jahrestagen und Vorurteilen
Das letztes Kapitel widmet Marieke Reimann der Erinnerungskultur und greift einen auch für mich persönlich denkwürdigen Tag auf. Sie beschreibt den 3. Oktober 2025, als das Saarland die Feier zum Tag der Deutschen Einheit ausgerichtet hat.
Sie zitiert den Spott des Internets, dass es ein Quizmaster (Jörg Pilawa, Lebensgefährte von Julia Klöckner, der Bundestagspräsidentin) auf das offizielle Foto zum Feiertag geschafft hat, nicht jedoch eine Person aus Ostdeutschland. Sie beschreibt die Feierlichkeiten des Saarlandes, das sich als “jüngstes der alten Bundesländer” präsentierte und für die Party keine Künstler*innen aus dem Osten einlud.
Fast hatte ich die Frage erwartet, wo an diesem Tag überhaupt Menschen aus dem Osten im Einsatz waren. Eine Antwort hätte ich sogar parat: Ich war dabei.
An diesem Tag gab es für mich einen Einsatz für einen saarländischen Auftraggeber im Community Management und habe Kommentarspalten moderiert, in denen sich Mauern zurückgewünscht und “der Osten” verteufelt wurde. Die wenigen positiven Kommentare waren ein schwacher Trost.
Ein Jahr später möchte ich Marieke Reimanns Buch all diesen Menschen in die Hand drücken. Ihnen und all jenen, die wirklich verstehen möchten, wieso die Wiedervereinigung sich nicht wirklich vollzogen anfühlt. Ich möchte es denen geben, die nach der Wende im Osten Arbeit gefunden haben, während so viele arbeitslos wurden. Ich möchte es denen geben, die bei Wahlen sensationslüstern auf blaue Balken schauen, um sich dann besser zu fühlen, statt zu erkennen, dass unsere Demokratie in allen Bundesländern unter Druck steht.
Und ich möchte es all denen geben, die wie ich keine eindeutige Identität haben, die mal Ossi und mal Wessi sind, mal Nachgeborene oder halt: Kinder der Einheit.

