Vermutlich bin ich nicht als die Person bekannt, die regelmäßig Krimis liest. Wenn Simon Beckett einen neuen Thriller schreibt, bin ich dabei, ansonsten findet man mich seltener in diesen spannungsgeladenen Genres. Das liegt zum einen daran, dass oftmals Frauen die Opfer sind und zum anderen Gewalttaten mit einer für mich schwer zu verstehenden Begeisterung beschrieben werden. In Kombination sind mir beide Mechanismen dann schlicht und ergreifend zu viel.
In meiner letzten Buchberatung machte mich Maria aber darauf aufmerksam, dass im neuen Pfaueninsel Verlag ein Buch erscheinen würde, das explizit für Fans von Benedict Wells beworben wurde: „Tainted Love“ von Vincent Tal.
Kurzum — es gab direkt zwei Gründe, neugierig auf diesen Krimi zu sein: Ein neuer Verlag ist immer spannend und ich mag solchen „für Lesende von…“-Claims skeptisch gegenüber sein, aber der Name Benedict Wells kriegt mich einfach.
Also habe ich den Verlag gefragt und konnte Anfang Februar das Rezensionsexemplar lesen. Diese Zeilen hier tippe ich übrigens, während parallel ein Stream der olympischen Winterspiele läuft. Schließlich soll so ein Leseeindruck möglichst frisch sein. Willkommen in der wunderbaren Welt, weit im voraus geplanter Posts. Und hoffentlich vergesse ich nicht, diesen hier zu veröffentlichen.
Wie immer gilt: Keine Spoiler über den Klappentext hinaus!

Krimi = Schema F?
Auch ein Ding, weshalb ich Krimis seltener lese, ist meine Mustererkennung.
Leichenfund, Ermittlungen, Plottwist 1, Plottwist 2, Auflösung, Epilog — mit dieser Verkürzung tu ich vermutlich sehr vielen Autor*innen Unrecht. Trotzdem kommt es in meinem Kopf manchmal so an.
Bricht „Tainted Love“ mit diesem Schema? Ich finde: Ja.
Das fängt schon damit an, dass es keine klassische Leiche gibt. Ja, vor einigen Jahren ist hier ein kleines Kind verschwunden — aber mehr, als dass sich unsere beiden Hauptfiguren in dieser Nacht kennengelernt haben, weiß man davon leider nicht. Und es wird im Sommer, in dem das Buch spielt, ein Auto gefunden. Wo die Person ist, die das Auto gefahren hat? Unklar.
Soweit zum dramaturgischen Setting. Wie liest es sich?
Keines der Kapitel konnte ich vorhersehen. Ich wurde vom Autor stets in eine andere Situation verpflanzt, was zum einen eine unfassbare Sogwirkung entwickelte. Zum anderen sorgte das auch dafür, dass ich mich auf den ersten Seiten eines Kapitels immer neu zurechtfinden musste. Was übrigens nicht negativ gemeint ist. Vielmehr hat es mir sehr großen Spaß gemacht, immer wieder in der Erzählweise auf eine andere Fährte geschickt zu werden.
Vincent Tal macht sehr schnell und geschickt immer neue Stränge in seinem Buch auf, die das ganze hochspannend machen. Je weiter das Buch vorankam, desto mehr habe ich mich gefragt, wie er das am Ende alles zusammenhalten will. Auch das macht es so interessant zu lesen.
80s Feelings und Sommerhitze
Zugeben: Das Buch, in dem die Sonne vom Himmel brennt und die Luft vor Hitze zu flirren beginnt, liest sich im tiefsten Winter vermutlich anders als im Hochsommer. Für mich kam das gerade richtig, kann ich doch an wärmeren Tagen nicht auch noch Hitze zwischen zwei Buchdeckeln aushalten.
Während ich die warmen Sommertage trotz der realen Kälte draußen gut nachempfinden konnte, kam das 80er-Jahre-Setting etwas schwerfälliger bei mir an. Ja, die 80er habe ich — Jahrgang 1990 — logischerweise nicht vor Augen. Dennoch behaupte ich mal, dass mehr nötig ist, um dieses Jahrzehnt aufleben zu lassen, als Figuren im Buch permanent indoor rauchen oder zum Feierabend Wodka Lemon oder Bier trinken zu lassen. Auch die unmittelbare Nähe zur deutsch-deutschen Grenze war zwar gegeben, vom Gefühl her wirkte das Buch für mich trotzdem nicht sehr „wie in den 80ern“. Vielleicht, weil Recherchen trotz fehlenden Internets schnell abliefen und Bekannte ähnlich wie Google heute fix aushelfen konnten. Da half auch die Musikauswahl, die im Text immer wieder einfloss, nicht wirklich.
Spannende Lesestunden auch für Nicht-Krimilesende
Dennoch: Mir hat das Buch großen Spaß gemacht und ich freue mich jetzt schon auf Band zwei. Und wenn wir ehrlich sind, ist das das größte Kompliment, das man einem Krimi machen kann!
Und wenn sich jetzt jemand fragt, wie ich die Bewerbung des Buchs mit dem Vergleich zu Benedict Wells finde: Ja, ich weiß durchaus, was gemeint ist. Die Sogwirkung war schon enorm und die kenne ich von Benedict nun wirklich. Übrigens ist es witzig, dass hier eine Hauptfigur Fotograf ist — wie auch Jules in „Vom Ende der Einsamkeit“ — und es ist Sommer, wie in „Hard Land“. Vincent Tal (und nicht nur ihm) möchte ich also dringend „Vincent“ von Joey Goebel empfehlen, eines von Benedict Wells‘ Lieblingsbüchern.
Dann schließt sich dieser Kreis auf literarisch passende Weise, finde ich. 😁
